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Der Geburtsort von Liebe

Der Predigttext im Hier und Jetzt

Diese Predigt habe ich am Sonntag Okkuli 2026 im Rahmen der Fastenaktion Mit Gefühl – 7 Woche Ohne Härte gehalten. Predigttext war Markus 14, 32–38, Jesus im Garten von Getsemani. Ich habe auf ein interaktives Element verzichtet. Stattdessen habe ich einen kleinen Kniff angewendet um den Predigttext während der Predigt nocheinmal lebendig werden zu lassen.

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Der Predigttext im Hier und Jetzt
Der Predigttext im Hier und Jetzt ist ein zeitlicher Versatz des Predigtextes: Die Zeitformen werden dabei in die Gegenwart übertragen. Der Text zieht die Hörenden dann direkt ins Geschehen. Das eignet sich besonders für Texte, in denen etwas passiert. Die Textstelle ist in der Predigt grün markiert.

Predigttext Markus 14, 32–38 (BB)

Jesus und seine Jünger kamen zu einem Garten, der Getsemani hieß. Dort sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Bleibt hier sitzen, während ich bete.“ Er nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Plötzlich überfielen ihn Angst und Schrecken, und er sagte zu ihnen: „Ich bin verzweifelt und voller Todesangst. Wartet hier und bleibt wach.“ Er selbst ging noch ein paar Schritte weiter. Dort warf er sich zu Boden. Er bat Gott darum, ihm diese schwere Stunde zu ersparen, wenn es möglich wäre. Er sagte: „Abba, mein Vater, für dich ist alles möglich. Nimm doch diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss! Aber nicht das, was ich will, soll geschehen – sondern das, was du willst!“ Jesus kam zu den drei Jüngern zurück und sah, dass sie eingeschlafen waren. Da sagte er zu Petrus: „Simon, du schläfst? Konntest du nicht diese eine Stunde wach bleiben? Bleibt wach und betet, damit ihr die kommende Prüfung besteht! Der Geist ist willig, aber die menschliche Natur ist schwach.“

Liebe Gemeinde,

Verletzlichkeit ist der Geburtsort von Liebe, Zugehörigkeit, Freude, Mut, Empathie und Kreativität. Diese Aufzählung stammt von der Soziologin Brené Brown. Sie erforscht das Thema schon viele Jahre. Brown definiert Verletzlichkeit als das emotionale Risiko, eine anderen Person ausgeliefert zu sein. Verletzlichkeit sei das erste, was wir in einem anderen Menschen suchen. Und das letzte, das wir selbst von uns offenbaren. 

Wir können lernen, unsere eigene Verletzlichkeit zu zeigen. Und wir können lernen, anderen in ihrer Verletzlichkeit einen sicheren Raum zu bieten.

Von Verletzlichkeit und Härte

Verletzlich sein heißt: Ich habe eine vermeintliche Schwachstelle. Irgendetwas, das ich von mir nicht einfach so zeigen kann. Vielleicht ist es mir bewusst. Vielleicht schäme ich mich dafür. Vielleicht entdeckt eine andere Person diese Schwachstelle, bevor ich selbst davon weiß. 

Wenn diese Stelle entdeckt wird, ich sie zeige oder jemand anderes sie freilegt, dann bin ich vor allem eines: Darauf angewiesen, dass diese andere Person mir Gutes will. Dass sie die Situation nicht ausnutzt, sondern mir freundlich begegnet. Dass sie versteht: Da kommt gerade etwas ans Licht von mir, das Schutz braucht. Für diesen Moment bin ich der anderen Person ausgeliefert.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche hat dieses Jahr das Motto »Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte«. Es geht um die Härte mir selbst und anderen gegenüber. Die Härte, mit der ich versuche, etwas von mir zu schützen. Die Härte, mit der ich andere tadele oder verurteile. Auch die Härte, mit der ich einen anderen Mensch vor etwas beschützen will, das mir selbst Angst macht. 

Verletzlichkeit und Härte begegnen uns überall. Vielleicht sitzt du beim Arzt. Es geht dir nicht gut. Du wünschst dir Zeit und Fürsorge. Aber der Arzt hat keine Zeit. Er erkennt schnell, dass dir nichts körperliches fehlt und fertigt dich harsch ab. Vielleicht hat auch deine Kollegin einen kleinen Fehler gemacht. Das erwischt dich auf dem falschen Fuß. Und sie kriegt sie eine harte Ansage, die du gar nicht so gemeint hattest. Das ist nur allzu menschlich.

Die Jünger:innen sind auch nur Menschen.

Das Team von 7 Wochen ohne schlägt für jede Woche der Fastenzeit einen biblischen Text und ein Motto vor. Das Motto dieser Woche lautet – ihr habt es schon erraten: Verletzlichkeit. Den Text dazu haben wir heute als Predigttext gehört: Die Nacht im Garten von Getsemani. Wir finden ihn bei Markus im 14 Kapitel. Es ist ein berühmter Text. Er ist so bekannt, dass aus den sechs Versen gleich drei Sprichwörter entstanden sind: Nimm diesen Kelch von mir. Nicht was ich will, was du willst. Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach. 

Das Markus-Evangelium ist das älteste Evangelium. Es ist der erste Versuch Jesu Leben im Ganzen zu erzählen. Aus vielen mündlichen Überlieferungen eine stimmige Erzählung zu machen. Es wurde um 90 nach Christus verfasst. Das ist eine Zeit, in der jüdische und christliche Menschen vom Römischen Reich verfolgt werden, weil sie sich weigern, die römischen Gottheiten anzubeten. Es ist ein Buch ohne Schnörkel. Nah an der an der gesprochenen Sprache. Und die Jüngerinnen und Jünger sind darin auch allzu menschlich. Mal schwach, mal schwer von Begriff, mal überängstlich. Jesus zu folgen fällt ihnen schwer. Sie sind gewiss keine Helden. Es ist leicht, sich in ihnen wiederzufinden. Und im Kontrast: zu verstehen, wie einzigartig Jesus gewesen sein muss.

Eine dunkle Nacht

Jesus vertraut sich Gott an.

Jesus überfallen in dieser Erzählung Angst und Schrecken. Unser Retter ist verzweifelt und voller Todesangst. Er macht das nicht mit sich selbst aus. Er reißt sich nicht zusammen. Er ist nicht tapfer. Er informiert seine Freunde darüber, wie es ihm geht, entfernt sich ein paar Schritte, fällt nieder und bringt seine ganze Verletzlichkeit vor Gott: „Abba, mein Vater, für dich ist alles möglich. Nimm doch diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss!“

Und dann liefert er sich vollständig aus: „Nicht was ich will, was du willst!“

Jesus macht klar: Sein Leben liegt ganz in Gottes Hand. Er kann darauf Vertrauen, dass Gott im Gutes will. Auch und gerade hier, wo er selbst maximal verletzlich ist.

Dann kehrt er zurück zu seinen Freunden und findet sie schlafend. Er weckt sie auf und bittet sie erneut wach zu bleiben. Eine Prüfung stehe ihnen bevor, es sei wichtig, dass sie beteten, um darauf vorbereitet zu sein. 

Das ist spannend. Er bittet sie also nicht im seinetwillen, wach zu bleiben, sondern um ihrer selbst willen. Auch ihr Leben ist bedroht, auch ihnen steht Schweres bevor. Jesus traut ihnen zu, dass sie damit so umgehen wie er selbst.

Die Möglichkeit frei zu handeln

Die Jünger sind den ganzen Weg mit Jesus gegangen. Sie ahnen, dass sie ihn verlieren werden, auch wenn sie es immer noch nicht begreifen können. Sie fürchten um ihr eigenes Leben. Als sich die Gelegenheit bietet, geben sie sich ihrem Kummer und ihrer Erschöpfung hin. Sie schlafen ein. Bei Lukas steht an dieser Stelle: Sie schlafen vor Kummer ein. Eine ganz und gar menschliche Reaktion. Wer schon einmal einen nahestehenden Menschen verloren hat, kennt diese bleierne Schwere, die Trauer mit sich bringt. In den nächsten Minuten der Erzählung werden sie noch weiteren menschlichen Reflexen folgen: Angreifen und Weglaufen. Sie wollen nicht wahrhaben, was passiert. Sie handeln kopflos.

Jesus hingegen spricht an, was Sache ist. Er zeigt seine Verletzlichkeit. Er teilt sie seinen Freunden mit und bringt sie vor Gott. Er vertraut sich Gott an. Und zwar vollständig. Und das scheint seine Not zu lindern. Er schläft nicht ein, greift nicht an, läuft nicht weg. Er stellt sich seinem Schicksal, besonnen und innerlich frei. So frei dass er sogar weiter lehren kann: Fürsorglich ermahnt er seine Jünger, sie mögen es ihm gleich tun, um ihrer eigenen inneren Freiheit wegen.

Es gibt also eine Wahl, wenn wir uns ausgeliefert fühlen. Zwischen dem allzu menschlichen. Und dem was noch in uns angelegt ist. Jesus traut es uns zu:

Die eigene Verletzlichkeit vor Gott bringen. In jeder Lebenslage und in aller Deutlichkeit. Gottes Wohlwollen ist uns sicher. Und im Vertrauen darauf entsteht innere Freiheit. Auch in den schlimmsten Momenten des Lebens.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre eure Herzen in Christus Jesus. Amen.

Zum Vertiefen

Brown, B. (2010) The Power of Vulnerability, TEDxHouston [online]

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