Andacht mit musikalischen Interludien
Diese Andacht habe ich in der Christnacht 2025 entlang der Geburtserzählung nach Lukas 2, 1-20 (LU) gehalten. Ich habe während der Andacht für zwei musikalische Interludien innegehalten.
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Musikalische Interludien
Musikalische Interludien sind eine einfache und niedrigschwellige Form der Interaktion. Das Wort mag hier überraschen: bei Interaktionen denken viel zuerst an Interaktion der Gemeindeglieder untereinander. Muss aber nicht sein. Es kann kann ja auch um Interaktion mit Gott oder sich selbst gehen. Und dafür eignen sich kurze Insturmentalstücke wunderbar. Die Textstellen sind in der Predigt grün markiert.
Liebe Gemeinde,
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
Die Menschen haben die Berichte über das Leben von Jesus Christus über viele Jahre mündlich überliefert und von Generation zu Generation weitergegeben. Erst viele Jahre nach dem Tod von Jesus, als Augenzeugen lange gestorben waren, haben einzelne dann angefangen, diese Überlieferungen in größeren Erzählungen zusammenzufügen. In der Bibel finden wir davon vier; die vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie erzählen zum Teil ganz ähnliche Geschichten, berufen sich offensichtlich auf gemeinsame Quellen. Und dann haben sie auch alle ihre Eigenarten. Die Erzählung, die wir gerade gehört haben, steht zum Beispiel nur bei Lukas. Und sie ist gut durch komponiert.
In nur sieben Versen spannt der Erzähler einen weiten Kosmos auf. Er beginnt bei Kaiser Augustus, dem mächtigsten Mann der damaligen Welt. Augustus inszeniert sich als großer Retter der römischen Welt, er hat den römischen Bürgern Frieden und Wohlergehen gebracht und genießt großes Ansehen. Aber der Preis ist hoch. Das Privileg Bürger Roms zu sein genießen nur wenige, von Frieden ist an den Rändern des Reichs nichts zu spüren. Hier herrschen immer noch Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung. Nun droht auch noch eine große Steuerreform. Und der müssen sich auch Josef und Maria beugen, dieses junge von Gott erwählte jüdische Paar. Maria trägt ein uneheliches Kind unter ihrem Herzen. Zur damaligen hätte sie das ihr Leben kosten können. Aber Marias Kind kommt von Gott. Und sogar Josef hält ihr die Treue, gemessen an den moralischen und religiösen Maßstaben der damaligen Zeit ganz gewiss keine Selbstverständlichkeit.
Die weltliche Macht in Rom zwingt Josef und Maria auf einen langen Fußmarsch, obwohl Maria hochschwanger ist. So erzählt es uns Lukas. Sie kommen in Josefs Heimatstadt Bethlehem in einer einfachen Unterkunft unter. Und dort kommt das Kind Welt und wird von seiner Mutter in eine Futterkrippe gelegt.
Was für ein Kontrast. Am Anfang ein übermächtiger weltlicher Herrscher, am Ende das neugeborene Kind in einer ärmlichen Krippe. Gott ist in die Welt gekommen. Hier am Rande des römischen Reichs, in der Dunkelheit der Nacht, zart und zerbrechlich.
Musikalische Interludium
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Hirten galten zu dieser Zeit als zwielichtige Gestalten, manche mögen gar Räuber in ihnen gesehen haben. Dabei hatten sie wichtige und verantwortungsvolle Aufgaben, arbeiteten vermutlich rund um die Uhr. Sie passten auf die Tiere der Gemeinschaft auf, oft waren es nicht mal ihre eigenen und sorgten damit für wichtige Grundnahrungsmittel und Materialien wie Leder und Horn. Die Hirten galten als unrein, weil sie mit Tieren und Blut hantierten. Sie standen am Rand der Gesellschaft.
Und diese Hirten sind die ersten, die von Jesu Geburt erfahren. Der Engel des Herrn kommt zuallererst zu ihnen mit seiner sensationellen Botschaft: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und ich stelle mir vor, wie die Klarheit des Herrn diese einfachen und fleißigen Männer und Frauen umleuchtet, und sie für einen Moment alles sehen und alles verstehen und durch alle Zeit hindurch schauen. Und wie die himmlischen Heerscharen ihre Herzen und Sinne mit Freude erfüllen.
Ich komme und will bei dir wohnen! spricht Gott in einem anderen Text, der auch zur heutigen Nacht gehört. Hört, was bei dem Propheten Sacharja geschrieben steht:
Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr.
Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen.
– Und du sollst erkennen, dass mich der Herr Zebaoth zu dir gesandt hat. –
Und der Herr wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen.
Alles Fleisch sei stille vor dem Herrn; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!
Gott will bei den Menschen wohnen! Und auch bei Sacharja zieht er nicht in Tempel oder Paläste ein, sondern in die Stadt Jerusalem, die in Trümmern liegt. Den prächtigen Tempel, die Wohnung Gottes gibt es nicht mehr. Viele haben die Stadt verlassen, sind geflohen. Die wenigen, die geblieben sind, trauern um ihre Stadt und ihr Leben. Sie fühlen sich von Gott und der Welt verlassen.
Aber Gott hat sie nicht aufgegeben. Gott will immer noch bei ihnen wohnen. Bei denen, die alles verloren haben. Die in Trümmern leben. Die am Rande stehen.
Musikalisches Interludium
Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Ich stelle mir vor, wie die Hirten aufbrechen, um das Kind zu suchen. Der älteste geht voran. Er hat schon vieles gesehen, sein Gesicht vom Leben draußen ganz zerfurcht, seine Hände groß und kräftig. Der alte Mann kennt die alten Prophezeiungen, das Gott unter den Menschen wohnen wird. Er hat sie selbst von seinen Eltern erzählt bekommen und an die jüngeren weitergegeben.
Jetzt steht er vor einem einfachen Stall und schiebt vorsichtig die Tür auf. Er sieht eine junge Frau. Müde sieht sie aus. Sie sitzt an einem Futtertrog. Darin liegt ein Kind. Das Kind.
Der alte Hirte kniet ehrfürchtig nieder und schaut das Kind unverwandet an. Von diesem Kind geht ein warmes Leuchten aus. So etwas hatte er noch nie gesehen und noch nie gefühlt. So ist es also, wenn Gott zur Welt kommt, geht es ihm durch den Kopf. Winzig klein, verletzlich und schutzbedürftig, darauf angewiesen, dass Menschen ihn wärmen und nähren. Er selbst könnte ihn mit einer einzigen seiner kräftigen Hände halten.
Vielleicht kennt ihr das Gefühl ein Neugeborenes zu sehen oder zu halten. Es gibt uns eine Ahnung davon, was dieser Hirte erlebt. Dieses großes Staunen über ein so zartes, so kleines und doch vollkommenes Wesen. Und diese überwältigende Liebe und Zärtlichkeit, die von ihm ausgeht. Selbst dann wenn es nur ein ganz normales Kind ist.
Bei Lukas kommt Gott genau so zu den Menschen, als Neugeborenes, gibt sich ganz in ihre Hände, baut auf ihre Liebe. Lebt unser Leben mit von Geburt an. Wohnt bei uns, auch und gerade wenn alles in Trümmern liegt, wenn es nicht gut läuft, wenn wir am Rande stehen. Und wir?
Wir dürfen auch auf diese Liebe, auf dieses warme Leuchten in jeder Dunkelheit vertrauen. Immer.
Fürchtet euch nicht.
Amen
Die Predigt greift Motive der >>VELKD-Lesepredigt zur Christnacht 2025 von Pfarrerin Christiane Dohrn aus Leipzig auf.