Predigt mit stiller Reflexion
Diese Predigt habe ich am Sonntag Quasimodogeniti 2026 gehalten. Predigttext war Jesaja 30, 26-31. Das Evangelium stand bei Johannes im Kapitel 20, die Verse 19 – 20 und 24 – 29. Die Texte handeln von Zweifel und Vertrauen. Ich habe die Predigt an drei Stellen kurz unterbrochen. Dort habe ich Fragen für eine stille Reflexion gestellt und zu einer Mini-Fantasiereise eingeladen.
>> Zur Predigt springen
Die stille Reflexion
Eine stille Reflexion ist eine einfache und niedrigschwellige Form der Interaktion. Das Wort mag hier überraschen: bei Interaktionen denken viel zuerst an Interaktion der Gemeindeglieder untereinander. Muss aber nicht sein. Es kann kann ja auch um Interaktion mit Gott oder sich selbst gehen. Und dafür eignen sich kurze Unterbrechungen mit Fragen, Sätzen, die nach klingen, eine Stille, eine Fantasiereise oder auch ein musikalisches Interludium. Die Textstellen sind in der Predigt grün markiert.
Liebe Gemeinde,
Predigttext Jesaja 40, 26-31 (BB)
Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat! Seht ihr dort das Heer der Sterne? Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl. Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei. Aus der Menge, vielfältig und stark, darf kein einziger fehlen.
Wie kannst du da sagen, Jakob ,wie kannst du behaupten, Israel: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen! Mein Gott bemerkt nicht, dass ich Unrecht leide!«
Hast du’s noch nicht begriffen? Hast du es nicht gehört? Der Herr ist Gott der ganzen Welt. Er hat die Erde geschaffen bis hin zu ihrem äußersten Rand. Er wird nicht müde und nicht matt. Keiner kann seine Gedanken erfassen. Er gibt dem Müden neue Kraft und macht den Schwachen wieder stark. Junge Männer werden müde und matt, starke Krieger straucheln und fallen. Aber alle, die auf den Herrn hoffen, bekommen neue Kraft. Sie fliegen dahin wie Adler. Sie rennen und werden nicht matt, sie laufen und werden nicht müde.
eine Woche nach Ostern und wir feiern heute den Sonntag Quasimodogeniti. Das ist lateinisch und bedeutet wie neugeboren: Neugeboren im Glauben, im Vertrauen auf Gott. Gott hat für uns den Tod überwunden. Das Licht ist in der Welt. Jesus Christus. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Glaubst du das? Dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist? Gekreuzigt, gestorben und begraben? Hinabgestiegen in das Reich des Todes? Am dritten Tage auferstanden von den Toten? Wir bekennen es jeden Sonntag. Aber: glauben wir das? Also: halten wir es für möglich, dass da so wirklich passiert ist? Vertrauen wir auf diese Zusage Gottes in unserem Leben? Und wenn ja, was bedeutet sie für uns?
Nimm dir einen Moment Zeit, darüber nachzudenken, ob und inwieweit du an die Auferstehung glaubt. Was bedeutet sie für dich?
Zweifel bei Jesaja und Johannes
Die Texte, die wir gerade gehört haben sprechen von Zweifel. Bei Jesaja zweifelt ein ganzes Volk an Gott. Bei Johannes zweifelt ein Jünger an der Auferstehung von Jesus Christus. Das Volk Jakob-Israel lebt im Exil. Es wurde von den Babyloniern vertrieben. Sein Tempel ist zerstört. Jetzt lebt es im reichen Babylon. Die Exil-Gemeinde darf sich zwar selbst verwalten, wirtschaftlich geht es ihr einigermaßen gut. Aber der Verlust ist groß. Sie haben Tempel und Land verloren. Ihre Identität ist angegriffen, einzelne wenden sich den Göttern der Babylonier zu. Andere fragen sich: Hat Gott uns vergessen? Sieht er unser Leid nicht? Warum hilft er uns nicht aus unserer Not?
Von Zweifeln und Selbstzweifeln
Evangelium Johannes 20, 19 – 20 (21-23) 24 – 29 (BB)
Es war Abend geworden an diesem ersten Wochentag nach dem Sabbat. Die Jünger waren beieinander und hatten die Türen fest verschlossen. Denn sie hatten Angst vor den jüdischen Behörden. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Die Jünger freuten sich sehr, als sie den Herrn sahen. (…)
Thomas, der auch Didymus genannt wird, gehörte zum Kreis der Zwölf. Er war nicht bei ihnen gewesen, als Jesus gekommen war. Die anderen Jünger berichteten ihm: »Wir haben den Herrn gesehen!«
Er entgegnete ihnen: »Erst will ich selbst die Wunden von den Nägeln an seinen Händen sehen. Mit meinem Finger will ich sie fühlen. Und ich will meine Hand in die Wunde an seiner Seite legen. Sonst kann ich das nicht glauben!«
Acht Tage später waren die Jünger wieder beieinander. Diesmal war Thomas bei ihnen. Wieder waren die Türen verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« Dann sagte er zu Thomas: »Leg deinen Finger hierher und sieh meine Hände an. Streck deine Hand aus und leg sie in die Wunde an meiner Seite. Sei nicht länger ungläubig, sondern komm zum Glauben!« Thomas antwortete: »Mein Herr und mein Gott!«
Da sagte Jesus zu ihm: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«
Bei Johannes zweifelt kein Volk, sondern ein einzelner Mensch. Er heißt Thomas. Irgendwie hat er die Begegnungen mit dem auferstandenen Christus verpasst. Er hat zwar schon davon gehört, aber so richtig glauben, kann er es nicht. Jetzt steht er vor ihm. Aber auch das überzeugt ihn nicht. Er will spüren, dass es wirklich Jesus ist, der da vor ihm steht. Er muss die Wunden mit seinen eigenen Händen begreifen.
Ich kenne das auch: Zweifel. Gott, gibt es dich wirklich? Oder bist du nur eine Illusion? Und wenn es dich gibt, warum lässt du all das Leid in der Welt zu? Kannst du es nicht weg machen? Und mein Leben so, dass es mir gut geht? Warum muss ich eine schwere Krankheit haben? Warum lässt du einen geliebten Menschen sterben? Warum machst du nicht, was ich dir sage? Gott, gibt es dich wirklich?
Und wo ich grad dabei bin. Gott, bin ich eigentlich richtig so wie ich bin? Und gehe ich den richtigen Weg? Habe ich genug Freunde? Geld? Anerkennung? Wieso bringt mich mein Weg nicht weiter? Setze ich mich nicht genug ein? Ist meine Wohnung eigentlich schön genug? Sollte ich nicht mehr Sport machen? Weniger Schokolade essen? Freundlicher sein?
Und sag mal, was erzählen die Leute denn? Gibt’s den Klimawandel überhaupt? Schafft unsere Wirtschaft das? Und kann ich der Politik überhaupt noch vertrauen? Wie soll denn jemals Frieden werden?
Zweifel können ganz schön anstrengend sein. Wenn wir nicht aufpassen, dann geht es mit den Gedanken schnell bergab. Die Sicht wird immer dunkler. Gedenken drehen sich im Kreis. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Wozu das Ganze eigentlich?
Wie gehst du mit solchen Zweifeln um? Lässt du sie zu? Oder lenkst du dich lieber ab? Was ist deine Strategie?
Ich zum Beispiel gerate schnell in Aktionismus. Will alles selbst in der Hand haben. Nicht abhängig sein. Das Gefühl von Kontrolle haben. Und auch von Erfolg und Anerkennung. Und dann bin ich plötzlich wie die jungen Männer aus unserem Predigttext: Habe keine Kraft mehr, werde müde, gerate ins Straucheln.
Manchmal fange ich auch gar nicht erst an. Dann denke ich nur darüber nach, wie es wäre, wenn ich es täte. Und dann beginnt der Zweifel von Neuem. Und macht mich noch müder. Kostet noch mehr Kraft.
Ändern tut das alles nichts. Nicht das Grübeln, nicht die Ablenkungen und schon gar nicht die Vorstellung, es selbst in die Hand nehmen zu können.
Trost
Alle, die auf den HERRN hoffen, bekommen neue Kraft, sagt der Prophet Jesaja. Seine Worte sind voller Hoffnung. Seine Rede eine einzige Liebeserklärung an den einen, unseren Gott. Und so tritt er damals wie heute an uns heran, wenn wir zweifeln, nimmt sanft unser Kinn in die Hand und sagt: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Und dann zeichnet er uns mit wenigen Worten Gottes wunderbare Schöpfung: Seht Ihr dort das Heer der Sterne? Er hat die Erde geschaffen bis zu ihrem äußersten Rand? Alle die auf ihn hoffen fliegen dahin wie Adler. Sie werden nicht müde noch matt. Und: Keiner kann Gottes Gedanken erfassen.
Auf mich wirkt dieses Bibelwort unglaublich tröstlich. Ich spüre noch einmal nach, wie es ist voller Zweifel zu sein, in sich gekehrt, die eigene Hoffnung nicht erfüllt zu sehen. Das Vertrauen in Gott maximal ausgereizt. Siehst du denn nicht, wie wir uns anstrengen, alles richtig zu machen? Merkst du nicht wie deine Menschen leiden? Hast du uns gar nicht im Blick?
Und dann kommt einer und hilft die Perspektive zu verändern. Weitet den Blick.
Fliegen wie ein Adler
Guck mal schnell, ein Seeadler!, sagt mein Mann zu mir. Wir sind in den Osterferien auf Usedom. Ich folge mit dem Blick seinem ausgestreckten Arm. Er zeigt auf einen Vogel, der am Himmel kreist. Tatsächlich, ein Seeadler! Er gleitet wie schwerelos mit dem Wind. Mühelos sieht es aus. Von der Luft getragen.
Wer mit dem Herrn ist, wird fliegen und rennen wie ein Adler und seine Kraft wird nicht enden. So heißt es in unserem Predigttext. Und mir wird mit einem Mal klar, was mit dieser Kraft gemeint ist. Keine menschliche Kraft. Keine Kraftanstrengung. Kein über die eigene Kraft gehen. Sondern: In der Kraft sein. In der Kraft, die uns allen gegeben ist. Von Gott getragen.
Und das ist die Zusage unseres Predigttexts. Uns bewusst zu machen, dass uns von Gott eine lebendigen Kraft gegeben ist, die uns trägt. Und dass wir uns dieser Kraft im Zweifel bewusst werden dürfen und dass das Leben dann wieder leichter werden kann. Weil wir uns auf das besinnen, was Gott in uns gelegt hat. Und aufhören den Erwartungen und Forderungen anderer Menschen oder gar moderner Götter hinterherzulaufen.
Loslassen und auf Gott Vertrauen. Das tut gut.
Der Blick nach oben
Ich mag an unseren beiden Texten heute, auf welcher Art Zweifel aufgehoben wird. Der Prophet Jesaja fordert die Zweifelnden auf, ihre Augen nach oben zu heben. Zu den Sternen. Und sich dann einmal bewusst zu werden, was Gott alles geschaffen hat und wie weit die Schöpfung reicht. Bis zum äußersten Rand des Universums. Und dass es uns Menschen unmöglich ist, Gottes Gedanken zu erfassen. Ich kenne dieses Gefühl auch: Ehrfürchtig in den Sternenhimmel zu blicken. Demut vor der Schöpfung. Teil von etwas viel größerem zu sein. Der Zweifel wird nicht mit noch mehr Worten überwunden, sondern mit einer kleinen Bewegung: Kopf heben, Bewegung spüren, durchatmen.
Mach die Bewegung gern einmal mit. schau nach oben zur Decke. Spürst du die Bewegung im Nacken. Schließe deine Augen und stell dir den Sternenhimmel vor. Sternklare Nacht. Vielleicht auf dem Land. Da wo die Lichter der Stadt nicht stören. Wo es wirklich dunkel ist. Siehst du die Sterne leuchten? Den Großen Wagen? Kassiopeia? Venus als hellen Punkt im Westen? Lass es einen Moment auf dich wirken. Was spürst du?
Bei mir weitet sich der Blick im Innern. Für einen kurzen Moment fühle ich mich seltsam verloren. Und dann spüre ich es: Ja, ich bin Teil von etwas Größerem, das ich nicht verstehen kann. Und: Gott hat mich hierhin gestellt, als Teil seiner Schöpfung. Damit ich sie von hier aus wahrnehmen und meinen kleinen Teil beitragen kann. Gott hat mich bei meinem Namen gerufen. Und dich. Du bist Gottes geliebtes Kind. Und du auch. Und du. Mit unseren Namen ruft Gott auch uns alle herbei. Wie die Sterne am Himmel. Wir sind alle Gottes geliebte Kinder.
Thomas’ Zweifel und Jesu Antwort
Jesus setzt in der Erzählung bei Johannes ebenfalls auf das Spüren. Komm her, sagt er, fass meine Wunden an. Spüre, dass es wahr ist, was die anderen dir erzählt haben. Auch sie konnten es erst nicht glauben, mussten es mit eigenen Augen sehen: Dein verwundeter Gott ist auferstanden. Er hat die Gewalt und die Folter und den Tod überwunden. Und dann sagt Jesus noch etwas:
Glückselig sind die, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!
Das heißt nicht, dass wir allem blind vertrauen müssen. Es heißt auch nicht, dass die, die einfach vertrauen können, die besseren Gläubigen sind. Es heißt, dass die, die es einfach so können, es ein wenig leichter haben auf ihrem Weg. Alle anderen, brauchen ab und an einen Blick in den Sternenhimmel oder eine sanfte Berührung. Um einen quälenden Zweifel zu unterbrechen und neues Vertrauen zu fassen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre eure Herzen in Christus Jesus.
Amen.