Letzten Sonntag war ich spät dran. Ich bin in letzter Minute in die Kirche gesaust und habe mich dann hinten in die letzte Bank gesetzt. Der Gottesdienst war gut besucht. Viele Menschen, die in der Kirche groß geworden sind und die ihren Glauben regelmäßig praktizieren. Eine eher traditionelle Feier mit vielen Beteiligten.
Ich habe mich, dahinten auf meiner Bank, seltsam ausgeschlossen gefühlt. Irgendwie nicht mittendrin wie sonst, sondern am Rand. Außen vor. Einen Moment lang fand ich das doof. Und dann dachte ich mir: Das koste ich jetzt mal aus. Ich tue mal so, als sei ich eine meiner Freundinnen, die nie in die Kirche gehen. Ich versuche mal, diesen sehr schön und sorgfältig vorbereiteten Gottesdienst aus der Sicht einer kirchenfernen Person (was für ein Wort!) zu erleben.
Eine eigenwillige Erfahrung. Ich will versuchen sie nachzuzeichnen.
Die Gemeinde wird von einem Mann begrüßt. Er zitiert einen Vers aus der Bibel. Ich verstehe die Worte, es geht um Glauben und Sieg, aber ich weiß nicht, was sie bedeuten sollen. Er sagt, dass wir den soundsovielten Sonntag nach Trinitatis feiern und auch das sagt mir im Grunde nichts. Dann singen wir ein Lied. Es steht wohl in einem roten Buch. Aber leider habe ich kein solches rotes Buch. Einige teilen sich das Buch, aber mich hat niemand bemerkt. Ich will lieber keine Aufmerksamkeit wecken und höre nur zu. Das Lied ist schön. Es berührt mich, wie die Stimmen um mich herum aufklingen. Sie können alle wirklich gut singen. Das gefällt mir, ich singe gern.
Es folgt ein Gebet. Die Gemeinde wird in zwei Gruppen geteilt, links und rechts. Eine Seite fängt an zu beten, die andere antwortet und so weiter. Auch dieses Gebet steht in dem roten Buch. Ich höre also wieder zu. Und verstehe gar nicht, worum es geht oder wofür gebetet wird. Die Worte und die Formulierungen klingen sehr alt und sehr fremd.
Am Ende stimmen alle in ein kurzes Lied ein. Sie kennen es offenbar auswendig, keine schaut in das rote Buch. Wieder ist die Kirche von einem tollen Klang erfüllt. Wieder verstehe ich nichts.
Dann geht eine Frau nach vorn. Sie sagt, dass es uns allen ja oft so gehe wie in dem Gebet und das wir deswegen Gott um sein Erbarmen bitten. Wieder setzt Gesang ein, dieses Mal in einer fremden Sprache. Wieder kennen alle den Text, wieder berührt mich der Klang. Wieder verstehe ich nichts.
Der Mann steht auf, dreht sich zum Altar und spricht ein Gebet mit dem Rücken zu uns allen. Es geht irgendwie um Gott und um das Volk und um Israel.
Die Gemeinde singt ein Lied über Vertrauen. Es ist ganz schwungvoll und ich kann ab Strophe zwei sogar den Refrain mitsingen. Ein gutes Gefühl.
Eine weitere Person tritt vor und ein Rascheln geht durch die Kirche. Alle stehen auf, also erhebe ich mich auch. Ein Text aus der Bibel wird vorgelesen. Es geht um eine kurze Begegnung mit Jesus und darum, dass jemand gesund wird. Ein kurzer Gesang und dann wird eine Art Gedicht aufgesagt. Auch das kennen alle auswendig und zumindest in der Mitte kann ich folgen, weil ich schon mal von der Jungfrau Maria gehört habe. Und von der Auferstehung natürlich auch.
Jetzt tritt sogar eine ganze Gruppe hervor. Sie predigen gemeinsam und lesen dazu mit verteilten Rollen noch einen Text aus der Bibel vor. Es ist ein langer Text und es fällt mir schwer zu folgen. In der Predigt wird erklärt, dass der Text aus dem Alten Testament ist und dass er aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann. Soweit ich es verstehe geht es um Lügen und Moral und Eigennutz und Barmherzigkeit.
Die Predigt schließt mit einer Frage ab, die das Predigtteam ein paar Mal wiederholt. Deswegen verstehe ich, dass es um zwei verschiedene Möglichkeiten geht, den eben vorgetragenen Bibeltext aus der Sicht des Neuen Testaments zu interpretieren.
Zum ersten Mal regt sich spürbar Widerstand in mir: Das ist eure Frage? Das findet ihr wichtig? Ich kann mit dieser Frage nichts anfangen. Sie spricht nicht zu mir, ist viel zu voraussetzungsreich. Ich denke: Was soll das bedeuten? Dafür müsste ich Theologie studiert haben. Ich werde unsicher. So viele haben sich eben an der Predigt beteiligt. Bin ich etwa ungebildet? Oder schlimmer noch: dumm?
Kein gutes Gefühl.
Währenddessen hat sich der Gottesdienst weiter entfaltet, ich bin ein wenig hintendran. Aber was jetzt folgt, ist ein Lichtblick: Alle stehen auf, wenden sich einander zu und wünschen sich Frieden. Einige kommen auf mich zu, wir grüßen einander, geben uns die Hand. Von einem Moment auf den anderen gehöre ich dazu. Wie selbstverständlich reihe ich mich ins Abendmahl ein, fühle mich auch wirklich eingeladen zum Fest des Glaubens. Sogar den einfachen begleitenden Gesang verstehe ich. Er ist lateinisch und für einen Moment denke ich, dass ich mein Latinum doch nicht umsonst gemacht habe. Ich singe laut mit.
Dennoch bleibt der ganze Gottesdienst rätselhaft. Im Grunde hätte ich nichts verstanden. Nicht die Gesänge, nicht die Texte, nicht das Auf- und Ab der Gemeinde. Verschlüsselte Gebete in alter Sprache, Wechselgesänge, eingeübte Rituale. Ich konnte spüren, es bedeutet etwas. Eine Art heilige Atmosphäre. Aber ich hätte nicht mitmachen können, wäre kein Teil davon gewesen.
Kurz vor Schluss verlasse ich eilig die Kirche. Draußen fragt mich eine Bekannte, ob ich noch mit ins Gemeinde-Café komme. Ich gebe mir einen Ruck und gehöre wieder dazu.
Aber ein trauriges Gefühl bleibt.